Aus Erzählungen und Tonbandaufzeichnungen von Adolf Frankl


Auf einer Leinwand verteile ich ohne Plan und ohne irgendwelche Vorbilder die Farben mit einer Spachtel, den Fingern und dem Pinsel. Die Geister kriechen langsam aus der Finsternis hervor.

Nach einigen Stunden muss ich mich hinlegen, denn ich bin wie zerschlagen. Am Abend, wenn alle schlafen, hole ich das gefärbte Gewebe hervor und von meinem Bett aus beobachte ich es stundenlang. Erst durch meine Hand, dann nur mit einem Auge, dann im Spiegel suche ich nach der Lösung, um die grauenhaften Gedanken, die hinter meinen Augen toben, für andere verständlich zu machen. Mit geschlossenen Augen sehe ich sie vor mir, die jüdischen Mädchen, die Blumen Zions, wie sie am Stacheldrahtzaun des Lagers Birkenau standen, mit gespreizten Beinen, um nicht umzufallen, vorgebeugt...
Wie Tiere starrten sie mich an. Diese Augen – ich kann sie nicht vergessen!

Und immer wieder die Ratten, dicke fette Ratten! Sie waren die einzigen, die immer etwas zu fressen fanden. Noch heute rieche ich den Geruch von verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren und sehe den Rauch aus den Kaminen der Krematorien aufsteigen. Diesen üblen Gestank werde ich nie los. Ich wate in der Suppe des Geruchs.

Visionen aus dem Inferno • um 1959

Ich wende mich wieder dem Bild zu. Farben und verwischte Gesichter nehmen Gestalt an. Die grellen, leuchtenden Farben sind mir sympathisch. Wie das Feuer leuchten sollen sie! Bei mir bildet die Tiefenwirkung der Farben die Grundlage meiner Werke. Beim Malen denke ich nicht, ob es gut oder schlecht ist.

Aus den Farbflecken entstehen meine VISIONEN, wobei ich keine Perspektive, Größenordnung und irgendwelche Phrasen oder Richtungen bedenke. Ich will nur an das unverdiente Los von Millionen Juden, allen anderen Mithäftlingen, Kindern sowie Ungeborenen erinnern und ihre unbeschreibliche Angst als Augenzeuge, als einer, der es selbst erlitten hat, beschwören. Diese Erinnerungen, die sich in meinem Inneren als eine heilige Wut eingemeißelt haben, will ich versuchen als Mahnmal mit meinen eigenen Händen festzuhalten – in einer Art, die auch in Zukunft Menschen an diese Tragödie erinnern soll.

Ein Kritiker sagte einmal zu mir, er sehe in einem meiner Bilder eine Ähnlichkeit mit Motiven
von Chagall. Meine Bilder sind jedoch meine eigenen Erlebnisse, mein eigenes Grauen!
Das ist Frankl – nicht Chagall!